Taipei – 6. Juni 2025. Mit ungewohnt scharfen Worten hat US-Verteidigungsminister Pete Hegseth beim Sicherheitsforum „Shangri-La Dialogue“ in Singapur vor einer möglichen Invasion Taiwans durch China gewarnt. In seiner Rede betonte er, die Volksrepublik bereite sich „offensichtlich darauf vor, mit Gewalt das regionale Gleichgewicht zu verändern“. Ein Angriff auf Taiwan hätte „verheerende Folgen“, sagte Hegseth und unterstrich die Bedeutung des Indo-Pazifik als prioritären strategischen Raum der USA.
Doch trotz der klaren Rhetorik sehen Beobachter keine Abkehr von der traditionellen US-Politik der „strategischen Ambiguität“. Der Politikwissenschaftler Li Da-Jung (李大中) von der Tamkang-Universität betonte, Hegseths Worte seien weniger verbindlich als frühere Aussagen der Biden-Regierung, die wiederholt eine militärische Unterstützung Taiwans in Aussicht gestellt hatte. Die Rückkehr zur Unklarheit sei nicht unbedingt ein Rückschritt, sondern könne China abschrecken, indem es den Handlungsspielraum der USA offenlasse.
Neben den Einzelstatements stand beim diesjährigen Forum auch die regionale Zusammenarbeit im Fokus. Die Verteidigungsminister der USA, Japans, Australiens und der Philippinen trafen sich am Rande der Konferenz und kündigten in einer gemeinsamen Erklärung an, künftig enger gegen Chinas Einfluss im Süd- und Ostchinesischen Meer zusammenzuarbeiten. Konkret sollen die Verteidigungsfähigkeiten der Philippinen verbessert, der Informationsaustausch verstärkt und eine gemeinsame Lageerkennung in der Region aufgebaut werden – als Teil einer US-geführten Verteidigungslinie entlang der sogenannten „ersten Inselkette“.
Während Washington den Schulterschluss im Indo-Pazifik forciert, wächst in Europa die Sorge über eine strategische Verlagerung der US-Aufmerksamkeit. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron warnte vor einem doppelten Maßstab, wenn etwa die Besetzung ukrainischer Gebiete durch Russland hingenommen werde, während für Taiwan rote Linien gezogen würden. Auch EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas betonte, dass europäische und pazifische Sicherheit untrennbar miteinander verbunden seien.
Chinesische Vertreter warfen insbesondere den Philippinen vor, sich als „Bauernopfer“ Washingtons instrumentalisieren zu lassen. Doch wie der Analyst Yang I-Kwei (楊一逵) erläutert, geht es den betroffenen Staaten wie den Philippinen primär um eigene sicherheitspolitische Interessen. Die wiederholten Aktivitäten chinesischer Unterwasserfahrzeuge in philippinischen Gewässern hätten den Ernst der Lage deutlich gemacht. Gerade deshalb werde Manila zu einem immer wichtigeren Akteur in der regionalen Sicherheitsarchitektur – auch mit Blick auf einen möglichen Taiwan-Konflikt.
Obwohl die Anti-China-Allianzen derzeit stabil erscheinen, warnen Experten vor der Unsicherheit nationaler Regierungswechsel. In Japan, Australien und besonders den Philippinen könnten künftige Regierungen andere Akzente setzen. Umso wichtiger sei es, so Analysten, dass Taiwan seine bilateralen Beziehungen nicht nur zu den USA und Japan, sondern auch zu Nachbarstaaten wie den Philippinen vertieft – wirtschaftlich wie sicherheitspolitisch.