Taipei – 6. Juni 2025. Taiwans Arbeitsministerium will im dritten Quartal erneut über eine Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns beraten. Sollte es dazu kommen, wäre es das zehnte Jahr in Folge mit einer Erhöhung. Doch während die Lohnuntergrenze weiter steigt, profitieren viele Beschäftigte kaum davon. Einer aktuellen Umfrage zufolge haben lediglich 18,5 Prozent der Angestellten in der ersten Jahreshälfte eine Gehaltserhöhung erhalten – im Schnitt um 2.300 NTD (rund 65 Euro). Gleichzeitig rechnen zwei Drittel der Befragten damit, dass ihre Löhne auch in diesem Jahr unverändert bleiben.
Als Hauptgründe nannten die Befragten das Fehlen eines regelmäßigen Anpassungssystems in ihren Unternehmen, schlechte Geschäftszahlen sowie undurchsichtige interne Regeln. Besonders betroffen ist eine wachsende Gruppe von Beschäftigten, deren Gehälter zwar leicht über dem Mindestlohn liegen, aber über Jahre hinweg nicht angepasst werden. Diese „stille Lohngruppe“ gerät angesichts steigender Lebenshaltungskosten zunehmend unter Druck, wie die Sprecherin eines der größten Jobportale in Taiwan erklärt.
Wie hart diese Realität sein kann, zeigt das Beispiel des 37-jährigen Herrn Shen, der Produktionsleiter in einem kleinen Teebetrieb ist. Obwohl er seit fast fünf Jahren dort arbeitet, jährlich mit Bestnoten bewertet wird und vier Mitarbeitende führt, liegt sein Monatsgehalt bei 45.000 NTD (ca. 1300 EUR). Seit einer einmaligen Erhöhung nach der Probezeit blieb sein Lohn unverändert – trotz mehrfacher Nachfragen.
Ab dem kommenden Jahr sollen laut Gesetz börsennotierte Unternehmen verpflichtet sein, einen Teil ihres Gewinns zur Gehaltserhöhung von Beschäftigten mit Monatslöhnen unter 63.000 NTD (ca. 2.100 EUR) zu verwenden. Doch das Jobportal fordert, diesen Grundsatz auf den gesamten Arbeitsmarkt auszuweiten. Auch kleine und mittelständische Betriebe müssten Verantwortung übernehmen, um eine gerechtere Einkommensentwicklung zu ermöglichen und langfristig für mehr Zufriedenheit im Arbeitsleben zu sorgen.