Jadeit eines Chinakohls, Qing-Dynastie (1644-1911), 18,7 x 9,1 x 5,07 cm, Copyright © National Palace Museum
Fleischförmiger Stein, Qing-Dynastie (1644-1911), 6,6 cm x 7,9 cm, Copyright © National Palace Museum
Nein, dies ist keine Kochsendung, wie die Überschrift „Chinakohl und Schweinefleisch Dong Po“ es vermuten lassen könnte, sondern wir gehen heute wieder auf unseren „Kleinen Museumsbesuch“ durch das Nationale Palastmuseum in Taiwan. In der letzten Folge ging es um das tibetische „Drachen-Sutra“. Heute habe ich für unsere zehnte Folge gleich zwei und zwar die vermutlich bekanntesten Objekte des Museums ausgesucht.
Falls Sie schon einmal in Taiwan waren, werden Sie sicherlich auch beobachtet haben, wie wichtig den Taiwanerinnen und Taiwanern Essen ist. So wundert es auch nicht, dass ausgerechnet ein Chinakohl aus Jade und ein fleischförmiger Stein die Publikumslieblinge des Palastmuseums sind. Doch hinter beiden Exponaten steckt noch mehr.
Kommen wir zunächst zum „Jadeit eines Chinakohls“. Das wertvolle Material Jade haben wir bereits in mehreren Folgen kennengelernt. Da die vorherigen Objekte jedoch viel älter waren als dieses und die Jade sich im Lauf der Zeit verfärbte, erscheint dieser Jadeit in einer anderen Farbigkeit. Um ein einzigartiges Objekt aus Jade herzustellen, muss man beim Schnitzen auf die natürliche Farbigkeit und Form des Materials eingehen – also sowohl handwerkliche als auch kreative Leistung vollbringen. Der rohe Edelstein war in unserem Fall ein halb weißer und halb grüner Jadeit, der auch einige Risse und Flecken aufwies und somit eigentlich kein besonders wertvolles Ausgangsmaterial war, verglichen mit reineren Exemplaren. Der Kunsthandwerker ist jedoch kreativ mit den Gegebenheiten umgegangen und hat aus einem Stein mit eher geringem Materialwert ein einzigartiges Kunstwerk geschaffen.
Die natürliche Farbverteilung ließ sich auf das Motiv des Kohls mit seinen grünen Blättern und dem weißen Strunk übertragen. Die Unebenheiten konnte man in den Ritzen verstecken oder in Blattadern umwandeln. Noch heute überrascht der Realismus des Exponats, das ein vertrautes Thema so kunstfertig aufgreift.
Schauen wir genauer hin, entdecken wir weitere Details. So haben sich auf dem Kohl zwei Insekten niedergelassen: Ein Grashüpfer und eine Heuschrecke. Doch was hat es damit auf sich?
Grashüpfer und Heuschrecken vermehren sich rasant. Daher sind sie Symbole für viele Nachkommen. Das Weiß und Grün stehen wiederum in ihrer homophonen Wortbedeutung für Reinheit. Der Chinakohl aus Jade stand ursprünglich im Yonghe Palast, der Residenz von Jinfei, der Konkubine des Kaisers Guangxu (光绪帝, Guāngxù) der von 1871 bis 1908 lebte und mit nur drei Jahren den Drachenthron der Qing-Dynastie bestieg. Man vermutet, dass das Kunstwerk ursprünglich Teil von Jinfeis Mitgift war und somit für ihren reinen Charakter und als Segenswunsch zur Fruchtbarkeit der kaiserlichen Familie stand.
Im Yonghe Plast in der Verbotenen Stadt war der Kohl ursprünglich mit einem Lackporling, einem glänzenden Pilz, auf einem Blumentopf aus Emaille, ausgestellt. Heute wird er im Museum mit einem geschnitzten Holzuntersatz präsentiert, der die Kunstfertigkeit und die Ähnlichkeit mit einem echten Chinakohl hervorheben soll. Das Thema von Kohl in Verbindung mit Insekten greift tatsächlich auf eine lange Tradition von Insekten- und Pflanzenmalereien zurück. Diese war während der Yuan und der Ming-Dynastie vom 13. bis zum 15. Jahrhundert weit verbreitet und beliebt.
Ein weiteres Objekt, dass sich der Mimesis bedient, also der Nachahmung, ist der fleischförmige Stein. Was aussieht wie ein zartes Stück köstlich geschmorten Schweinebauchs – ich als Vegetarierin kann hier übrigens nur auf die Bestätigung anderer zurückgreifen, dass das Objekt tatsächlich sehr lecker aussieht – ist in Wirklichkeit ein hartes Mineral, das gebänderter Jaspis genannt wird. Am Begriff erkennen wir bereits, dass dieses Material verschiedene Schichten aufweist. Der Künstler nutzte diese natürlichen Schichten, um die unterschiedlichen Strukturen des Fettes und Fleisches nachzuahmen. Sie sind in unterschiedlichen Brauntönen gefärbt und unterstützen so die Farbigkeit des in Sojasauce geschmorten Schweinefleischimitats. Die oberste Schicht weist viele kleine Poren und ein fast gallertartiges Aussehen auf. So konnte glaubhaft die Haut des Tieres dargestellt werden.
Die visuellen Merkmale regen beim Betrachter verschiedene andere Sinne, wie den Geschmack und den Geruch, und somit auch die Erinnerung an das Gericht Donpo-Schweinefleisch (東坡肉dōngpōròu) an - und das obwohl es sich grob genommen „nur“ um einen Stein handelt! Dies zeugt vom Können der Person, die dieses Kunstwerk während der Qing-Dynastie hergestellt hat.
Noch ein kleiner Funfact zum Schluss: Das Gericht ist nach dem Dichter Su Dongpo benannt, um den es bereits in den Folgen sechs und sieben ging. Einer Geschichte nach soll er es erfunden haben, indem er einen Topf mit schmorendem Schweinefleisch vor lauter Versunkenheit in seine Arbeit an einem Gedicht auf dem Herd vergaß. Das stundenlange Schmoren machte es zart und geschmackvoll.
Mit dieser Geschichte kommen wir zum Ende unserer Folge. Beim nächsten Mal geht es nicht ums Essen, sondern ums Trinken, denn dann schauen wir uns Weintassen aus Porzellan an.

RTI Radio Taiwan International
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