Zu Gast ist Umweltanthropologin und -ethnologin Yu Shih-Hsuan (于詩玄), kurz Shueni, die sich in Taiwan sehr aktiv für den Nebelparder 雲豹 einsetzt. Seit mehreren Jahren arbeitet sie beim “Formosan Wild Sound Conservation Science Center” und seit letztem Jahr auch freiberuflich bei der “Clouded Leopard Association of Taiwan”. In zwei Teilen werden wir uns mit dem Nebelparder, sein Wesen, sein mutmaßliches Aussterben in Taiwan und ein mögliches Wiederansiedlungskonzept auseinandersetzen. Wildtiere wie der Taiwanische Schwarzbär und der Nebelparder sind kein einfaches Thema, denn es ist emotional und multiperspektivisch. Einerseits gilt das schützenswerte Tier, andererseits müssen die Jagdtraditionen und der Lebensraum der indigenen Bevölkerung respektiert und kommuniziert werden. Shueni vermittlelt unter anderem zwischen den indigenen Völkern, den Regierungsvorlagen und der Umweltforschungsorganisation "Formosa Wild Sound" unter der Leitung von Dr. Po-jen Chiang, der sich mit seinen Forschungsarbeiten für den Erhalt des Nebelparders in Taiwan einsetzt. Die Fotos, die uns Shueni freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat, zeigen eindrucksvoll die Facetten dieses komplexen Unterfangens.
Im ersten Teil widmen wir uns den Fragen, was der Nebelparder für ein Tier ist und warum er in Taiwan als ausgestorben gilt. Was ist ihm widerfahren und welche Rollen spielen die Menschen dabei? Welchen Stellenwert hat der Nebelparder bei den indigenen Völkern, die sich ebenfalls für seinen Schutz einsetzen?
Forschung: https://www.researchgate.net/profile/Su_Yu32
Shuenis Webseite: https://yushihhsuan.wixsite.com/yushihhsuan
Wenn Sie sich für die Forschungsarbeit interessieren, die Arbeit unterstützen möchten oder Fragen haben, dann kontaktieren Sie bitte Shueni unter: info@cloudedleopardtaiwan.org
Transkription des Interviews (1):
Kannst Du Dich kurz vorstellen? Wer bist Du, wo kommst Du her?
Ich bin Shueni, ich bin Anthropologin und Koordinatorin für eine Umweltforschungsorganisation (Formosa Wild Sound 野聲環境生態顧問有限公司) hier in Taiwan. Gleichzeitig promoviere ich in Umweltethnologie an der Uni Köln. Ich komme aus Kaohsiung Stadt, Taiwan.
Wo und was hast Du studiert?
Ich habe meinen Bachelor in Geschichte an der National Taiwan University abgeschlossen. Inzwischen habe ich viel Zeit in das Studium der indischen Kulturen und Gesellschaften investiert. Ich habe mich außerdem mit Themen wie Posthumanismus und Umweltschutzbewegung auseinandergesetzt. An der Universität Heidelberg habe ich 2018 mein Masterstudium in Südasien-Studien absolviert. 2019 begann ich eine Zusammenarbeit mit Dr. Po-jen Chiang, der zu Nebelpardern forscht und jetzt an vielen Umweltforschungsprojekten arbeitet.
Wie lange hast Du in Deutschland gelebt?
Ich habe zwischen 2014 und 2018 in Deutschland gelebt.
Was genau ist Umweltethnologie? Was untersucht dieser Forschungszweig?
In der englischen Sprache wird es als "Environment Anthropology" bezeichnet. Der Fokus liegt auf Natur-Kultur-Clustern, den Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt sowie der Verflechtung von Mensch und Nicht-Mensch. Heutzutage beschäftigen sich Umweltanthropologen mit Fragen rund um den Klimawandel, Umweltverschmutzung und der Art und Weise, wie die Lebensmittelindustrie das menschliche Leben unterstützt und beeinflusst.
Was sind Deine Forschungsschwerpunkte?
Über die hiesige Wildökologie oder Naturschutz denkt die Gesellschaft im Moment noch sehr wenig nach. Aber es hat sich im Laufe der Jahrzehnte vieles verändert. Der Mensch hat überall seine Spuren hinterlassen, sichtbare und unsichtbare. Das heißt, Menschen und ihre Lebensweise sollten als ein wichtiger integrativer Teil des Artenschutzes betrachtet werden und nicht ausgeschlossen werden. Bei meiner Forschung konzentriere ich mich auf die Geschichte der Nebelparderart, ihren aktuellen Zustand in ihrem natürlichen Lebensraum und die Zukunft, die sie mit Taiwan haben könnte.
Ist das auch Dein Promotionsthema
Grundsätzlich ja.
Du arbeitest seit mehreren Jahren beim “Formosan Wild Sound Conservation Science Center” und seit letztem Jahr auch freiberuflich bei der “Clouded Leopard Association of Taiwan”. Was sind die Schwerpunkte dieser Organisationen? Was sind die Schwerpunkte deiner Arbeit dort?
Bei dem Verein arbeite ich immer noch Teilzeit, wo ich von Dr. Chiang gefördert werde. Formosan Wildsound ist eine Umweltforschungsorganisation unter der Leitung von Dr. Chiang, dem eigentlichen Gründer der Nebelparder-Vereinigung in Taiwan. Dr. Chiang ist ein Mann, der sich leidenschaftlich für den guten Zweck der Tierwelt und die Bewirtschaftung natürlicher Ressourcen einsetzt, was insbesondere der indigenen Gemeinschaft zugute kommt. Einige unserer Arbeiten in dem Verein haben eine wichtige soziale Dimension, insbesondere diejenigen, bei denen wir eng mit dem Forstamt zusammenarbeiten, um verschiedene Arten von Artenlisten, Umweltuntersuchungen usw. durchzuführen. Bevor die Regierung Forschung durchführte, ging sie einfach hin und sprach nicht mit der Bevölkerung vor Ort. Aber heute kommunizieren wir mit ihnen und wollen sie in einigen Phasen sogar mit einbeziehen. Viele dieser Einheimischen sind Ureinwohner, was bedeutet, dass sie in Taiwan eine längere Geschichte haben als die Han-sprechenden Menschen. Meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass sie wissen, welche Forschungsarbeiten auf ihrem Gebiet stattfinden, und sicherzustellen, dass sie dabei ein Mitspracherecht haben.
In dem Verein stehen wir insbesondere für die Aussicht auf die Wiedereinführung der verlorenen Spezies Nebelparder ein, während wir gleichzeitig die Bedeutung der Interessen der indigenen Gemeinschaft betonen. Wir bringen relevante Communities zusammen und teilen unsere Visionen mit ihnen. Unser aktuelles Ziel ist es, die Regierung mit ins Boot zu holen, und wir würden uns über die Unterstützung der Industrie freuen.
Wie sieht die Unterstützung der Industrie aus?
Wir wissen es noch nicht. In der aktuellen Phase möchten wir nichts überstürzen, denn unsere Priorität ist die indigene Partnerschaft. Wir möchten, dass auch potentielle Industriepartner die gleichen Werte teilen.
Kannst Du etwas über den Nebelparder in Taiwan erzählen? Was ist das für eine Art?
Der Körper des Nebelparders ähnelt einem mittelgroßen Hund. Er hat einen Schwanz, der genauso lang ist wie sein 1 Meter langer Körper und relativ kurze Beine. Sie können sich recht gut zwischen Zweigen bewegen. Sie wurden Großkatzen genannt, aber in Wahrheit sind sie die kleinsten Großkatzen bzw. die größten Kleinkatzen. Sie sind recht zutraulich, was einer der Gründe dafür sein könnte, dass sie vom Aussterben bedroht sind, denn sie sind überhaupt nicht aggressiv. Für die Naturschutzökologen scheint eine ausreichende Population der Nebelparder in Taiwan als ausgeschlossen. Obwohl einige sagen, dass es in den tiefen Wäldern Taiwans immer noch einzelne Leoparden geben könnte, sind Individuen aus ökologischer Sicht für das Ökosystem nicht allzu wichtig. Es ist wie der Wirkungsunterschied zwischen 5 Tieren und 200 Tieren. Vielleicht haben wir irgendwo noch 5, aber wir müssen jetzt etwas tun, um sie zu retten.
Aus der späten Qing-Dynastie gibt es nur wenige Dokumente über das Tier. Aber aus der japanischen Besatzungszeit kann man in Zeitungen, in offiziellen Dokumenten zu Spielen oder zoologischen Funden Begriffe bzw. Kategorien wie „Leopard“ finden. Einige Leute bezweifeln heute, dass Leoparden in japanischen Dokumenten nur Leopardenkatzen waren. Aber oft sieht man auf ein und demselben Papier die Einträge „Leoparden“ und „Bergkatzen“ nebeneinander. Dies deutet darauf hin, dass die Japaner durchaus zwei Arten von Wildkatzen unterschieden. Darüber hinaus zeigen einige Fotografien aus dem frühen 20. Jahrhundert auch Nebelparderfelle, die von indigenen Anführern getragen wurden.
Weltweit kommt die Gattung Neofelis nur in Südostasien vor. Dann gibt es zwei Arten, die n. nebulosa und n. diardi. Die Nebulosa ist weiter verbreitet, unter anderem in Thailand, Kambodscha, Malaysia, Nepal, Nordindien und so weiter. Unsere Zielart in Taiwan ist auch Nebulosa.
Wenn indigene Freunde mit mir über Nebelparder sprachen, sind diese Geschichten wirklich einzigartig und sehr bedeutsam. Die Paiwans, die größte indigene Gruppe in Pingtung, haben eine starke Kultur der Spiritualität, des Mediumismusses und des Channelings. Channelings sind Sitzungen, in denen ein Medium Botschaften aus der übernatürlichen Welt empfängt. Erst letztes Jahr, wurden wir in ein kleines Paiwan-Dorf eingeführt und stellten fest, dass mehr als ein Geist mit seinem Medium (normalerweise die Ältesten) in der Gestalt eines Nebelparders „sprach“. Sie (weiblich) gab Anweisungen über öffentliche Probleme oder implizierte Lösungen für Situationen. Dieses Dorf war bereits zur katholischen Kirche konvertiert, sodass sie nicht ganz überzeugt waren, was sie tun sollten, als sie die Botschaften zum ersten Mal erhielten.
Kann man einen Schuldigen ausmachen, der dafür verantwortlich war/ist, daß der Nebelparder möglicherweise regional ausgestorben ist? Welche Faktoren und welche Personen haben möglicherweise eine Rolle dabei gespielt?
Normalerweise wird gerne gesagt, dass die Einheimischen Schuld sind. Das ist leicht gesagt, aber nicht differenziert genug. Wenn die Menschen mit den gegenwärtigen Bedrohungen vertraut sind, denen die Tierwelt im Amazonasgebiet oder in Südostasien derzeit ausgesetzt ist, dann verstehen sie das Problem bereits besser.
Die massive Abholzung der Wälder in Taiwan hat zwar inzwischen aufgehört, begann aber bereits Mitte des 19. Jahrhunderts. Es gab eine weltweite Nachfrage nach Kampfermaterial, Zelluloid, einem natürlichen Polymer. Dieser Bedarf hielt an, bis Chemiker und Hersteller künstliche Wege fanden, künstliche Polymere oder Kunststoffe zu synthetisieren. Wir alle wissen, dass der Mensch bereits eine lange und komplizierte Geschichte mit Kunststoff hat. Und Taiwan verschenkte sehr viel von seinem natürlichen Polymer-Rohstoff. Zu Beginn war der Lieferant die Qing-Dynastie, später die japanischen Kolonialisten. Die ersteren fällten die Wälder viel weniger effizient als die letzteren, was bedeutet, dass sie den Kampferbaum weniger klug zum Abholzen ausgewählt haben. Dieser Wunsch, durch Zelluloid Reichtum zu erlangen, führte für den Pekinger Hof zur ersten Phase der massiven Abholzung. Wenn wir Zelluloidprodukte aus dem 19. Jahrhundert finden, wie zum Beispiel Puppen und Schmuck, besteht die Möglichkeit, dass sie für die Landschaftsveränderungen in Taiwan relevant sind, aber das bedarf natürlich der Forschung. Der Mensch fand einen günstigeren Weg, Plastik herzustellen und vermarktete es schon bald. Ich würde behaupten, dass, seit die weltweite Nachfrage nach Zelluloid gestiegen ist, der natürliche Lebensraum des Nebelparders mit der Entwaldung seine erste Phase der Zerstörung erlitten hat. Deshalb sollten wir als moderne Menschen in einer globalen Welt auf die Lebensbedingungen des Nebelparders achten.
Welche Rolle spielen Deiner Meinung nach die indigenen Stämme hier in Taiwan, die sich einen Lebensraum mit dem Nebelparder (und auch mit dem taiwanischen Schwarzbären) teilen? Der Legende nach sind doch der Nebelparder sowie der Schwarzbär die Vorfahren der indigenen Stämme. Und dennoch assoziiert man die Bevölkerung der indigenen Stämme mit alten, wichtigen Jagdtraditionen. Es ist schwierig, diese beiden extremen Richtungen zu vereinen. Was ist denn jetzt korrekt: Jagen sie die Tiere oder verehren sie die Tiere?
Es gibt 16 Gruppen mit mehr als 720 Gemeinden/Dörfern, die alle in Taiwan beheimatet sind. Nicht alle von ihnen teilen die gleichen jagd-ethischen Regeln, Werkzeuge und Praktiken. Es gibt Unterschiede. Soweit wir wissen, gelten in den meisten Dörfern nicht alle Landsäugetiere als Wildtiere. Normalerweise sind nur Sambarhirsche, Wildschweine, Muntjaks, die Ziegenart Seraue, Makaken und Flughörnchen jagdbar. Bären und Nebelparder gelten normalerweise als nicht jagdbar. Wir sprechen vom vormodernen Zustand. Diese Regeln änderten sich sicherlich, als Wälder abgeholzt wurden, mehr Fahrzeuge in die Berge fuhren, Tunnel eröffnet wurden, Straßen gebaut wurden, Dörfer von den Japanern zur Umsiedlung gezwungen wurden und die Nachfrage des Marktes für chinesische Medizin außerhalb des indigenen Territoriums zunahm. Bis heute habe ich nicht viel davon gehört, Wildtiere als spirituelle Objekte zu betrachten. Der Animismus ist in Taiwan schon vor langer Zeit verschwunden und größtenteils durch das Christentum ersetzt worden. Aber es gibt ein reiches Erbe an Geschichten rund um die hiesige endogene Tierwelt.
Auch sehr interessant war das Vorgehen des Alanyi-Stammes in Taitung, als 2019 angeblich ein Nebelparder gesichtet wurde. Sie haben kurzerhand ein öffentliches Schreiben verfasst, in dem sie verkündeten, dass sie ihr Dorf und die Umgebung für alle Außenstehenden schließen würden - auch für die Presse und für die Wissenschaftler. Welche Rückschlüsse können wir aus solch einer Handlungsweise ziehen?
Das Alanyi-Dorf wurde von einer sehr energetischen Person geführt, dem Vorsitzenden ihres indigenen Komitees, der ihr Gelände sehr beschützte. Es ist ein wunderschönes Küstengebiet, das zum Wandern beliebt ist. Der Vorsitzende war außerdem eine sehr gebildete Person und in seiner Amtszeit kam es zu einigen Spannungen zwischen den Dorfbewohnern und dem örtlichen Forstamt. Dann kam es zu der Sichtung, bei der ein Team von Rangern aus dem Dorf einen langen Körper eines katzenähnlichen Tieres sah, das mit einer ziegenähnlichen Beute im Maul auf einen Felsbrocken trat. Niemand machte ein Foto, aber sie fertigten eine handgezeichnete Skizze von der Begegnung an, die der Presse zugänglich gemacht wurde. Für allgemeine wissenschaftliche Zwecke ist ein Foto oder eine Zeichnung eine Beweisgrundlage.
Solche Sichtungen kommen häufiger vor, als wir denken, und sie bedeuten etwas. Im Fall Alanyi beobachte ich, dass die Dorfbewohner die Initiative ergriffen und sicherstellen wollten, dass das Tier nicht gestört wird, also organisierten sie sich und ließen niemanden in ihr Gelände. Ich denke, dass ein ausgeprägtes Schutzbewusstsein für ein bestimmtes geografisches Gebiet im Hinblick auf die Tierwelt und den Naturschutz wertvoll ist. Wir sollten es nicht falsch verstehen.

RTI Radio Taiwan International
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