Zu Gast ist Umweltanthropologin und -ethnologin Yu Shih-Hsuan (于詩玄), kurz Shueni, die sich in Taiwan sehr aktiv für den Nebelparder 雲豹 einsetzt. Seit mehreren Jahren arbeitet sie beim “Formosan Wild Sound Conservation Science Center” und seit letztem Jahr auch freiberuflich bei der “Clouded Leopard Association of Taiwan”. In zwei Teilen werden wir uns mit dem Nebelparder, sein Wesen, sein mutmaßliches Aussterben in Taiwan und das Wiederansiedlungskonzept auseinandersetzen. Wildtiere wie der Taiwanische Schwarzbär und der Nebelparder sind kein einfaches Thema, denn immer wieder geht es um verschiedene Perspektiven, die berücksichtigt werden müssen. Einerseits gilt das schützenswerte Tier, andererseits müssen die Jagdtraditionen und der Lebensraum der indigenen Bevölkerung respektiert und kommuniziert werden. Shueni vermittlelt unter anderem zwischen den indigenen Völkern, den Regierungsvorlagen und der Umweltforschungsorganisation "Formosa Wild Sound" unter der Leitung von Dr. Po-jen Chiang, der sich mit seinen Forschungsarbeiten für den Erhalt des Nebelparders in Taiwan einsetzt. Die Fotos, die uns Shueni freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat, zeigen eindrucksvoll die Facetten dieses komplexen Unterfangens.
Im zweiten Teil widmen wir uns dem Nebelparder-Wiederansiedlungsprojekt der Organisation, für die Shueni forscht. Was bedeutet das Fehlen eines Raubtieres wie der Nebelparder für das Ökosystem in Taiwan? Wir stellen die Frage, ob nicht zuerst das Schlingfallenproblem gelöst werden sollte, bevor eine Wiederansiedlung des Nebelparders stattfinden kann. Shueni erzählt uns außerdem mehr über die Nebelparderdame "Suki", die vom Wuppertaler Zoo in den Taipeier Zoo kam.
Falls Sie den ersten Teil verpaßt haben: https://de.rti.org.tw/radio/programMessageView/programId/2018/id/107338
Forschung: https://www.researchgate.net/profile/Su_Yu32
Shuenis Webseite: https://yushihhsuan.wixsite.com/yushihhsuan
Wenn Sie sich für die Forschungsarbeit interessieren, die Arbeit unterstützen möchten oder Fragen haben, dann kontaktieren Sie bitte Shueni unter: info@cloudedleopardtaiwan.org
Transkription des Interviews (2):
Du plädierst dafür, dass es eine Reintegration der Nebelparder in Taiwan geben sollte. Was sind die Gründe für dieses Vorhaben? Welche Auswirkungen (beispielsweise auf das Ökosystem) hat das Fehlen des Nebelparders in Taiwan?
Wir bezeichnen es als Wiederansiedlung, einen ähnlichen Prozess wie das sogenannte Iberlince-Projekt zum Schutz des Iberischen Luchses in Spanien und Portugal oder das Luchsprojekt Harz in Deutschland. Ökologisch gesprochen tritt ein Mesopredator-Freisetzungseffekt auf, wenn ein Apex-Raubtier aus dem Ökosystem entfernt wird. Diese Hypothese besagt, dass der Verlust von Top-Raubtieren wie Leoparden oder Wölfen zu einer erhöhten Population mittelgroßer Raubtiere wie Marder oder Füchse führt. Dies kann zu einer verringerten Artenvielfalt führen, da die mittelgroßen Raubtiere nun auch in Gebieten vorkommen, in denen zuvor nur die großen Fleischfresser lebten, wo kleine Säugetiere und Vögel ihren Lebensraum hatten. Derzeit beobachten Wissenschaftler in Taiwan eine gewisse Zunahme der Marderarten. Darüber hinaus können große Pflanzenfresser ohne Raubtiere den Wald komplett vernichten, denn es sind keine neuen Austriebe mehr möglich.
Die Schwarzbärforscherin 黃美秀 sagt, daß Taiwan eine Hölle sei für die Bären, weil so viele Fallen in den Bergregionen liegen. Müßte nicht erst dieses Problem behoben werden, bevor man den Nebelparder wieder in die Wildnis läßt?
Beide Komponenten sind beim Erhalt und dem Schutz der Artenvielfalt wichtig! Schlingenfallen sind weit verbreitet und immer noch wichtig für Menschen in der Agrarindustrie. Die Wahrheit ist, dass die Bären viel näher an der menschlichen Umwelt sind, als man es sich vorstellt. Wir haben positive Beispiele für Elektrozäune mit Kamerafallen in den Dörfern, um direkte Konflikte zwischen Menschen und Bären zu vermeiden, aber diese profunde Technologie ist bislang nicht flächendeckend. Eine andere Methode sind spezielle Fallen bei der Jagd. Derzeit fördert die Regierung eine bärenfreundliche Falle, das heißt, sie fängt Tiere, die keine Bären sind. Ein grundlegendes Problem ist aber, dass wir nicht genug über die Benutzer von Jagdfallen wissen. Sie sind nicht immer einheimisch. Auf der indigenen Seite geht es nicht um den gefangenen Bären, aber wie sehr vertrauen die Dörfer der Regierung, wenn sie versehentlich einen Bären fangen?
Und es ist auch deine Aufgabe, zwischen dem Amt und den indigenen Völkern zu vermitteln?
Ja, das ist richtig. Es ist immer beidseitig. Manchmal muß ich auch übersetzen, was die jeweils voneinander möchten.
Fühlen sich die Dörfer denn von den Bären gestört?
Nein, nicht alle 700 Gemeinden fühlen sich gestört.
Ich verfolge schon seit einiger Zeit die Existenz der wilden Bären in Teilen von Amerika und Kanada. Da scheint es möglich zu sein, daß Bären und Menschen relativ friedlich einen Lebensraum teilen. Warum ist das in Taiwan nicht möglich?
Ich denke, es ist möglich, aber die Landschaft hier ist ganz anders als in Nordamerika. Taiwans Bevölkerungsdichte ist extrem hoch und wir haben auch größere Höhenunterschiede. Taiwan hat die Berggebiete erst seit Kurzem vollständig für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das heißt, es findet viel mehr Mensch-Tier-Interaktion statt. Dies alles stellt unterschiedliche Herausforderungen und -chancen für die Regierung und die Gesellschaft dar. Wir müssen innovativ und experimentierfreudig sein. Eine friedvolle Zukunft zwischen unserer Tierwelt und der menschlichen Welt ist durchaus möglich, aber wir brauchen noch etwas Zeit. Mehr Zeit, um die Menschen darüber aufzuklären, wie ein friedliches Miteinander aussehen kann.
Gibt es schon erste Versuche, Projekte oder Kooperationen zur Reintegration von Nebelpardern in Taiwan?
Noch nicht. Die Wiedereinführung war ein vorgeschlagener Schritt im Abschluss von Dr. Chiangs Doktorarbeit an der Zoologieabteilung des Polytech Virginia, USA. Tatsächlich hat die Regierung in den letzten Jahren Probleme damit, den Status der Nebelparderpopulation im Land zu überprüfen. Nein, alle Wiederansiedlungsprojekte betrafen andere Arten, nicht den Nebelparder.
Im Taipeier Zoo gibt es einen Nebelparder namens “Suki”, der 2016 aus dem Wuppertaler Zoo gekommen ist. Warum war Suki in Deutschland und warum ist Suki wieder in Taiwan?
Wie das genau abgelaufen ist, weiß ich nicht, aber es gibt zwei große Forschungszentren, eins in Europa und eins in Südostasien. Vermutlich hatte sich der Wuppertaler Zoo sich für die Übernahme eines Nebelparders angemeldet. Im Taipeier Zoo ist 2019 ein sehr alter Nebelparder gestorben. Vermutlich haben sie deswegen Suki erhalten.
Ist Suki denn ein Neofelis nebulosa oder diardi?
Suki ist ein Neofelis nebulosa, denn Nebelparder der Gattung diardi sind nur noch sehr selten.
Ist Suki alleine im Taipeier Zoo? Wenn ja, warum bekommt sie keinen Partner?
Ja, sie ist allein. 2019 oder 2018 war Suki schon zu alt. Wenn ich alt sage, dann meine ich, dass wenn sich ein Nebelparderpaar treffen soll, dann müssen sie das tun, wenn sie noch kein Jahr alt sind, ansonsten ist es zu spät und sie greifen sich gegenseitig an. Ich habe gehört, daß das bei Löwen ganz anders ist. Löwen können sich viel einfacher reproduzieren. Bei Nebelpardern ist es schwieriger.
Gibt es denn weltweit einen Zoo oder ein Konservatorium, dass ein Paar hält und Nachwuchs hat?
Es gibt ein weltweites Nebelparderforschungsnetzwerk mit den genauen genetischen Daten der existierenden Nebelparder. Jedes Tier im Zoo hat sozusagen eine Identitätskarte mit seinen genetische Informationen, die alle in einer Datenbank eingespeist sind.
Wie viele Nebelparder gibt es weltweit im Zoo?
Die genaue Zahl weiß ich nicht, aber in freier Wildbahn sind es unter 10000.
Wie können wir Dich bei Deinen Projekten unterstützen?
Vielen Dank an RTI für die Gelegenheit, über unsere Arbeit zu sprechen. Derzeit priorisieren wir unsere Ressourcen für zwei Forschungsprojekte. Eine davon ist eine Sozialforschung - das ist meine-, und die andere ist eine biologische Forschung darüber, wie viele Nebelparder unsere Berge in Taiwan beheimaten können. Wang Yi-Feng ist Promotionsstudent in Oxford und kommt regelmäßig nach Taiwan, um das Material der Kameras auszuwerten.
Was genau hat Oxford mit Nebelpardern zu tun?
Es gibt dort ein Labor, das “Wildcru” (https://www.wildcru.org/) heißt. Die forschen zu allen Wildkatzen und auch zu Nebelpardern.

RTI Radio Taiwan International
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